BEETHOVEN

Österreich 1927, 71 Minuten | HD-s/w-restaurierte Fassung

Das Projekt

Mit dem großartigen Charakterschauspieler Fritz Kortner (1892-1970) in der Titelrolle zeichnet der Film die wichtigsten Stationen im Leben von Ludwig van Beethoven nach und verknüpft seine Vita mit seinen großen Werken wie der 2. Sinfonie, Eroica, 5. und 9. Sinfonie,  Fidelio und Missa Solemnis. Der Film wurde anlässlich des 100. Todestages des Komponisten (26.03.1927) produziert und ist ein schönes Beispiel früher medialer Verwertung populärer Künstlerbiographien. Er entstand im Sommer 1926 in den Listo-Film-Ateliers in Wien-Schönbrunn und erlebte am 18. Februar 1927 seine Kino-Premiere. Als eine besondere Qualität stellte die zeitgenössische österreichische Presse heraus, dass der Film an Original-Schauplätzen entstand, womit nur das Schloss Schönbrunn gemeint sein kann.


Filmausschnitt "Waldsteinsonate"


Die filmische Erzählung beginnt mit Beethovens Kindheit in Bonn und seinem Musikstudium bei  Joseph Haydn in Wien. Im weiteren Verlauf zeichnet sie das Bild eines produktiven Komponisten, der zeit seines Lebens in unglücklichen Liebesgeschichten verfangen ist. Vor allem die Begegnung mit Giulietta Guiccardi, die als wenig talentierte Klavierschülerin den Komponisten halb in den Wahnsinn treibt, wird im Film ausführlich geschildert; hier baut der Film eine reine Kino-Fiktion auf. Als konstanter Förderer tritt hingegen, wie es der Realbiographie entspricht, der Musik-Mäzen Fürst Lichnowsky auf. Großen Raum nimmt die Schilderung seines fatalen Gehörleidens ein, das Beethoven im Alter von 28 Jahren ereilt und das ihn in eine schwere persönliche Krise stürzt. Er wird zunehmend misanthropisch und zieht sich immer mehr in die Welt seiner Klänge zurück, bis er im Alter von 57 Jahren stirbt.

Die neue Musikfassung des vielfach ausgezeichneten Komponisten Malte Giesen (*1988) zitiert alle im Film genannten Beethoven-Werke und verarbeitet sie in einer originellen, zwischen Kintopp und Kunstmusik changierenden Bearbeitung für kleines Orchester. Der Komponist schreibt zu seiner Musik: „Die Idee ist, aus Beethoven-Werken eine Art ‚komponierte Interpretation‘ zu entwickeln, die den Film musikalisch in immer wieder unterschiedlicher Funktion begleitet. Dabei möchte ich mit Techniken arbeiten, die unmittelbar an die zeitgenössische Ästhetik und Philosophie meiner Generation anknüpfen: Remix, Sampling, Shuffling, auch gerade der Mix Orchester/Elektronik soll hier zu Einsatz kommen. Auf diese Weise stelle ich mir die hypothetische Frage: Wie hätte Beethoven komponiert, wenn es schon Elektronik gegeben hätte? Elektronik kommt also in unterschiedlicher Funktion zum Einsatz, einerseits als zusätzliche Klangfarbe mit eigener Ästhetik und andererseits als bewusstes Spielen mit der „Medienfarbe“ und Historizität von elektronischen Klängen (wie durch Grammophon, Schallplatte, Spielen mit klischeebehafteter Stummfilmmusikästhetik).

BEETHOVEN

Filmmusik für Orchester von Malte Giesen (2020)

Besetzung:

3 Flöte (3.Picc).2 Oboe.2 Klarinette.2 Fagott (3.KFag) - 4 Horn.2 Trompete.3 Posaune.0 - Pauken.2 Schlagzeug.Klavier (auch Toy-Piano) - Streicher (10.8.6.5.4)

Schlagzeug 1: kleine Trommel, Hängebecken, Handbecken, Tamtam, Ratsche, Crotales, Röhrenglocken, singende Säge, Triangel

Schlagzeug 2: große Trommel, Hängebecken, Glockenspiel, 4 Woodblocks (sehr hoch, hoch, mittel, tief), Windchimes, Triangel, Crotales, 2 Styroporklötze

Solo-Klavier, Toy-Piano mit 33 Tasten
Verstärkung für Klavier, Toy-Piano, 1. Geige, 1. Cello Halleffekt auf Klavier
2-Kanal-Zuspiel in Filmdatei

 

Filmmusik für Orchester von Malte Giesen (2020) in einer Bearbeitung für Klavier Solo von Andrew Digby (2020)

Konzertflügel (a=442 Hz)

2-Kanal-Zuspiel in Filmdatei, Styroporklötze (verstärkt), Luft und Stimme (verstärkt)

Die restaurierte Fassung stammt aus dem Filmarchiv Austria und ist die französische Exportversion, die in ihrer Textgestalt auch Romain Rolland zitiert, der die französische Beethoven-Rezeption wesentlich geprägt hat. Diese um 10 Minuten gekürzte französische Version ist die einDie restaurierte Fassung stammt aus dem Filmarchiv Austria und ist die französische Exportversion, die in ihrer Textgestalt auch Romain Rolland zitiert, der die französische Beethoven-Rezeption wesentlich geprägt hat. Diese um 10 Minuten gekürzte französische Version ist die einzige erhaltene Fassung des Films. Die verloren gegangene Originalfassung mit dem Untertitel ‚Zum Gedächtnis des 100jährigen Todestages des Sängers der Ewigkeit‘ hatte eine Länge von 80 Minuten und ging ausführlicher auf die Werke der großen Schaffensphase (5. und 9. Sinfonie) ein. Wie der Vergleich mit der erhaltenen deutschen Zulassungskarte erkennen lässt, existierte in der Originalfassung noch eine Sequenz über die von starken biographischen Krisen erschütterten späteren Jahre, in denen u.a. die Schicksals-Sinfonie entstand. Ein weiterer Exkurs beschäftigte sich mit Kerker-Szene aus Fidelio, quasi eine Visualisierung der Lebenssituation des Komponisten und seiner zunehmenden Ertaubung.

Alles in allem ist dieser österreichische Film ein anschauliches Beispiel für die Entwicklung des Beethoven-Bildes in der Populärkultur zu Beginn des 20. Jahrhunderts: vom Genie zum unglücklichen Liebhaber, der sein Liebesleid in seinem künstlerischen Schaffen kompensiert. In der deutschen Zulassungskarte findet sich der interessante Hinweis auf einen Prolog, den es offenbar in großen Kinosälen auf der Filmbühne gab und der aus einem Brief von Beethoven an Erzherzog Rudolph zitiert: „Höheres gibt es nichts, als der Gottheit sich mehr als andere Menschen nähern und von hier aus die Strahlen der Gottheit unter dem Menschengeschlecht verbreiten.“ Beethoven als Prometheus, so wurde das ganze 19. Jahrhundert hindurch die Bedeutung von Beethoven - wie sonst nur die Leistung von Goethe - gewürdigt und legte gerade in Deutschland eine Tradition der ‚Gottbegnadeten‘ fest. Das Kino der Stummfilmzeit geht da leichtfertiger mit dem Geniebegriff um und erfindet Frauengeschichten rings um den angeblich misanthropischen Beethoven. In dieser Manier ist auch der 1950 österreichische Film ‚Eroica‘ von Karl Hartl gehalten; voll Pathos schildert der Film Beethoven als Titan und verpasst ihm zugleich das Gewand des ungeschickten Liebhabers.

Der Komponist Malte Giesen

„Das künstlerische Selbstverständnis des jungen Komponisten Malte Giesen resultiert aus dem Spannungsfeld von Individuum und Gesellschaft, Selbstverwirklichung und politisch gesellschaftlicher Positionierung. Mit Leidenschaft und Verve bezieht Giesen in seinen Kompositionen Stellung, kommentiert und thematisiert aktuelle Entwicklungen und fordert durch bisweilen anstrengende Sperrigkeit zum aufmerksamen, reflektierten Zuhören heraus. Dabei bedient er sich ausgefeilter Kompositionsmethoden mit analogen und digitalen Spielarten und Techniken ... Diese Techniken finden ihren Einsatz, um eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Musik und ihrer Funktion zu befördern sowie Wahrnehmung durch Kontextveränderungen zu brechen und zu erweitern.“ (Jury des Carl-von-Ossietzky-Preises 2016)

Der 1988 in Tübingen geborene Malte Giesen hat an der Stuttgarter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Komposition und Computermusik bei Marco Stroppa und Oliver Schneller studiert und besuchte von 2010 bis 2011 das Pariser Konservatorium CNSM, bevor er zur Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin ging und dort Komposition mit Hanspeter Kyburz und elektroakustische Musik mit Wolfgang Heiniger studierte. Giesen schreibt sowohl für kammermusikalische Besetzungen als auch Solowerke, über Solo-Elektronik bis hin zu großem Orchester. Für seine Werke wurde er mehrfach mit Stipendien und Preisen ausgezeichnet. Unter anderem erhielt er 2009 den ersten Preis des Deutschen Musikwettbewerbs Komposition. 2012 war er Preisträger des Meisterkurses Orchesterkomposition des Radio-Sinfonieorchesters Stuttgart. 2013 folgte die Auswahl als Teilnehmer der Donaueschinger Musiktage und 2014 des Summer Composition Institutes der Harvard University. 2015 war er Preisträger des Wettbewerbs Neue Szenen III der Deutschen Oper Berlin, der mit einem Kompositionsauftrag für eine Kammeroper verbunden ist. 2016 erhielt er den Carl-von-Ossietzky-Preis für zeitgenössische Musik der Stadt Oldenburg.

Seine Kompositionen sind bei Festivals wie Acht Brücken Köln, Wien Modern, Klangwerkstatt Berlin und den Wittener Tagen für neue Kammermusik unter anderem in Zusammenarbeit mit dem RSO Stuttgart, Sonar Quartett, Quatuor Diotima, sonic.art Saxophon-Quartett, ensemble ascolta, ensemble recherche, ensemble mosaik, ensemble adapter, l'instant donnée, Ensemble Kuraia, Neue Vocalsolisten Stuttgart, Ardey Saxophon-Quartett, Namascae Lemanic Modern Ensemble, SUONO MOBILE global zu hören. Im April 2017 wurde seine Kammeroper Tako Tsubo an der Deutschen Oper Berlin uraufgeführt. Sein concert for hyperreal piano and orchestra, ein Auftrag des Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, wurde im Januar 2019 auf dem Ultraschall-Festival gefeiert.

Malte Giesen ist in der Vermittlung neuer Musik in Schulen und Musikschulen tätig. Er unterrichtet zeitgenössische Improvisation an der Hochschule für Musik Karlsruhe und als Gastprofessor elektroakustische Musik an der Hochschule für Musik Berlin. Er ist Gründungsmitglied des Stuttgarter Klang Büros e.V. und engagiert sich bei Suono Mobile – Initiative für Neue Musik sowie beim Stuttgarter Festival „Neue Töne Open“.

Der 1881 in Priwoz im damaligen Österreich-Ungarn geborene Hans Otto Löwenstein empfahl sich als Regisseur für eine Beethoven-Vita in zweierlei Hinsicht: Er hatte, wie seine in den 1920er Jahren entstandenen Filme über die Habsburger („Kaiser Karl“ (1921)  und „Leibfiaker Bratfisch“ (1925) über den Selbstmord von Kronprinz Rudolf in Mayerling) zeigen, nicht nur ein besonderes Faible für Historienstoffe, sondern auch für die Verbindung von Theater und Kino. 1913 versuchte er im Wiener Prater eine kombinierte Vorführung von Film und Theatervorstellung; sein Film „König Menelaus im Kino“ wurde mit Schauspielern auf der Bühne, die das Publikum miteinbezogen, ergänzt.

Löwenstein war ein vielseitiger Filmpionier: 1914 übernahm er die Leitung der Zentralstelle für die Feldkinos der österreichischen Armee, die für die Unterhaltung der Soldaten an der Front sorgen sollten. 1918 gründete er die Astoria-Film, die ab 1920 zu den führenden Produktionsfirmen der österreichischen Filmindustrie gehörte und die v.a. Zeichentrickfilme herstellte. Mit seiner Erfindung des Ottoton-Systems wurde 1929 der erste österreichische Tonfilm, „G’schichten aus der Steiermark“, produziert. Mit seinem Tod im Jahr 1931 hinterließ er eine umfangreiche Filmografie von über 40 Filmen.

1892 in Wien geboren, begann Kortners Film- und Theaterkarriere mit einer Ausbildung an der Wiener Akademie für Musik und Darstellende Kunst. Anschließend spielte Kortner auf den Bühnen verschiedener Schauspielhäuser in Deutschland. Noch während der Stummfilmzeit etablierte er sich mit seinem charakteristischen expressionistischen Spiel auch als Filmschauspieler; er übernahm 1924 eine der Hauptrollen in dem österreichischen Horrorklassiker ‚Orlac’s Hände‘ oder brillierte 1929 als Dr. Schön in ‚Die Büchse der Pandora‘. Mit ‚Der brave Sünder‘ realisierte er 1931 seine erste Filmregiearbeit. Als überzeugter Sozialdemokrat trieb es ihn 1932 mit dem zunehmenden Erstarken der NSDAP in die Schweiz, nach 1933 musste er als jüdischer Theater- und Filmschaffender endgültig ins Exil. Sprachbarrieren sowie das international gegen ihn verhängte Aufführungsverbot der Nationalsozialisten machten es ihm schwer, im Ausland Fuß zu fassen. Gleichwohl gelang ihm nach einem Aufenthalt in Großbritannien die Einreise in die USA. Nach dem Krieg kehrte Kortner mit dem Vorhaben des Wiederaufbaus des deutschen Theaters nach Deutschland zurück. Als amerikanischer Staatsbürger war er zunächst gezwungen im US-amerikanischen Sektor tätig zu werden. In den 1950er Jahren hatte Kortner den Status einer Regie-Ikone des Deutschen Theaters erlangt. In seiner politischen Regiearbeit konzentrierte er sich, neben einigen Abstechern zum Film, bis zu seinem Tod im Jahre 1970 vor allem auf das Theater.

Credits

  • Regie:
    Hans Otto Löwenstein
  • Drehbuch:
    Emil Kolberg
  • Darsteller*innen:
    Fritz Kortner (Beethoven), Lillian Gray (Giulietta Guicciardi), Ernst Baumeister (Joseph Haydn), Wilhelm Schmieder (Fürst Lichnowsky), Dely Drexler (Therese v. Brunswick) u.v.a.
  • Restaurierung (2019):
    Filmarchiv Austria
  • Musik:
    Malte Giesen (2020)
  • Einspielung:
    Thüringen Philharmonie Gotha Eisenach
  • Dirigent:
    Aurélien Bello
  • Redaktion:
    Nina Goslar
  • Produzent:
    Thomas Schmölz
  • Produkton:
    2eleven music film (i.A. von ZDF/ARTE)
  • Ko-Produktionspartner:
    Thüringen Philharmonie Gotha-Eisenach, Kulturamt der Stadt Eisenach

Impressionen der Musikproduktion in Gotha

Stummfilmklassiker von Arte -

cineastische Musikerlebnisse für Ihr Publikum