Die Liebe der Jeanne Ney

Deutschland 1927, 105 Minuten | HD-s/w-restaurierte Fassung

Das Projekt

Die Liebe der Jeanne Ney erzählt eine Liebesgeschichte in den Wirren der Zeit kurz nach der Oktober-Revolution und spielt zwischen der Krim und Paris. Der Film entstand 1927 nach dem gleichnamigen Roman von Ilja Ehrenburg, gedreht wurde an vielen Originalschauplätzen in Paris. Mit seiner revolutionären Schnitt-Technik schuf Regisseur G. W. Pabst ein hochmodernes Filmdrama, halb Melodram, halb Politthriller. In der erstklassigen Restaurierung und mit der neu orchestrierten Musik liegt dieser Klassiker des Weimarer Kinos endlich in einer adäquaten Fassung vor.


Filmausschnitt "Die Liebe der Jeanne Ney"


Als die Rote Armee im russischen Bürgerkrieg die Krim besetzt, wird der französische Agent und Journalist Alfred Ney erschossen. Seiner Tochter Jeanne, die sich ausgerechnet in den jungen Bolschewiken Andreas verliebt hat, bleibt keine andere Wahl als das Land zu verlassen und nach Paris zu fliehen: Dort kommt sie bei ihrem Onkel, der in Paris eine Privatdetektei betreibt, und dessen blinder Tochter unter. Zwar gelingt es Andreas, sich in kommunistischer Mission nach Paris versetzen zu lassen und Jeanne wiederzufinden, doch das gemeinsame Liebesglück währt nicht lange.  Denn auch der schmierige Chalybieff, Spitzel der Weißgardisten, hat ein Auge auf das hübsche Mädchen geworfen und ist nach Paris gereist. Nicht nur belästigt er sie mit seiner Aufdringlichkeit, auch ist er hinter dem Vermögen ihres Onkels her. Chalybieff schreckt vor keinem Mittel zurück, um seine Ziele zu erreichen und seinen Konkurrenten Andreas auszuschalten.

Zu dem Film existiert in der Musiksammlung des MoMA eine historische Klavier-kompilation, die vermutlich in den 1930er Jahren entstand, als die damalige Kuratorin Iris Barry im Berliner Reichsfilmarchiv eine Kopie des Films erworben hatte. Die Klavierkompilation  wurde zur restaurierten Fassung eingerichtet und von Bernd Thewes fürs Funkhausorchester mit seinem starken Bläsersatz neu instrumentiert. Entstanden ist dabei eine hochinteressante Filmmusik, die mit den Motiven der historischen Klaviervorlage der Konvention durchaus Rechnung trägt, die in ihrer modernen Orchestrierung dem Film jedoch eine ebenbürtige Musikfassung zur Seite stellt.

Die Liebe der Jeanne Ney

Musik zum gleichnamigen Stummfilm von Georg Wilhelm Pabst (1927). Orchestrierung und Synchroneinrichtung von Bernd Thewes (2016).

 

Besetzung:

2 Flöte/Picc (2. auch Altflöte).2 Oboe.2 Klarinette (1. auch es-Klarinette, Alt-Sax, 2. auch BKla, Tenor-Sax).2 Fagott (2. auch KFag) - 4 Horn.3 Trompete (1.u.2. auch Piccolo, Kornett, 3. auch Flügelhorn, Kornett).3 Posaune (3. BPos).0 - Pauken.3 Schlagzeug (3. Drum Set) - Harfe, Klavier (auch Hammond/Keyboard-E-Bass) -   Streicher (9.7.5.4.3)

Quellmaterial der aktuellen Restaurierung ist eine Kopie, die das Museum of Modern Art in den 1930er Jahren vom Reichsfilmarchiv angekauft hat. Diese Kopie dürfte der deutschen Originalfassung entsprechen und stammt vom sog. B-Negativ, das sich nicht erhalten hat. Bei der Restaurierung wurden die englischen Zwischentitel gegen die deutschen Texte lt. Zensurkarte ausgetauscht und Einstellungen durch technisch besseres Material anderer Kopien ersetzt. Haupttitel und Inserts stammen aus der historischen MoMA-Kopie, dementsprechend wurden die neuen deutschen Zwischentitel gestaltet.

Bernd Thewes (*1957)

Geboren in Quierschied bei Saarbrücken. Studium der Schulmusik in Saarbrücken und der Musikwissenschaften in Mainz, als Komponist Autodidakt. Zahlreiche Kompositionen für Solo- bis Orchesterbesetzungen, radiophone Projekte, selbstgebaute Instrumente, Oper, Klanginstallationen und elektronische Musik. 1985 Mitbegründer und (bis 1990) Dirigent des Neuen Musikvereins Illingen. 1988–97 zusammen mit dem Trompeter Michael Gross Organisator und Leiter des Illinger Burgfestes für Neue Musik. 1995 Förderstipendium der Landeshauptstadt Saarbrücken. 1997 Stipendium der Cité Internationale des Arts, Paris. Zusammenarbeit mit Musikerinnen und Musikern wie u. a. Dirk Rothbrust, Mike Svoboda, Dietmar Wiesner, Ueli Wiget, Uwe Dierksen, William Foreman, Teodoro Anzellotti, Stefan Hussong, Hermann Kretschmar und Cathy Milliken. Aufführungen seiner Werke u.a. bei den Internationalen Theatertagen Villach, den Musikfestspielen Saar, dem Festival Musik im 20. Jahrhundert des SR, bei den klangaktionen München, bei ars nova des SWR, beim Forum Neue Musik des SR und der Stadt- galerie Saarbrücken, bei den Saarbrücker Kammermusiktagen, beim Forum Neue Musik des hr, beim European Music Festival Sofia, bei musica viva München und Musik der Jahrhunderte Stuttgart. Zusammenarbeit mit Ensembles wie dem Trio Recherche, dem Ensemble Aventure, dem Ensemble musikFabrik, dem Schlagquartett Köln, dem Minguet Quartett und dem Auryn Quartett. Im Bereich der Filmmusik realisierte er in den letzten Jahren mehrere Projekte für Arte: Neukompositionen zu Stummfilmen (u. a. für Filme von Hans Richter und Carl Th. Dreyer) sowie Bearbeitungen historischer Filmmusiken wie die neuen Orchester- fassungen von Edmund Meisels Berlin, die Sinfonie der Großstadt zu dem gleichnamigen Film von Walther Ruttmann sowie Oktober, der Musik zur Verfilmung der russischen Oktoberrevolution von Sergej Eisenstein oder der großen über 7-stündigen Orchestermusik zu La Roue von Abel Gance.

Der Regisseur Georg Wilhelm Pabst (1885 – 1967) kam übers Theater zum Film und drehte mit 38 Jahren seinen ersten Film Der Schatz. International bekannt wurde er 1925 mit dem Sozialdrama Die Freudlose Gasse mit Greta Garbo und Asta Nielsen. Bis 1929 entstanden unter seine Regie jedes Jahr ein fürs Weimarer Kino stilprägender Film, wie Geheimnisse einer Seele (1926), Die Liebe der Jeanne Ney (1927), Abwege (1928) und mit Louise Brooks  Die Büchse der Pandora und Tagebuch einer Verlorenen (1929). Auch in der Tonfilmzeit inszenierte Pabst bis 1933 eine Reihe zeittypischer Filme, mit denen er sich als Vertreter der Politischen Linken profilierte: den Antikriegsfilm Westfront 1918 (1939), Die Dreigroschenoper und Kameradschaft. Ab 1933 arbeitete Pabst vorwiegend in Frankreich. Unter den erschwerten Bedingungen einer Exilexistenz entstanden nach wie vor künstlerisch hochwertige Filme wie Mademoiselle Docteur mit Dita Parlo, aber die Kraft und Eigenwilligkeit seiner stilbildenden Stumm- und Tonfilme war kaum mehr zu erreichen. Pabst plante eine Übersiedlung in die USA, musste jedoch ab 1939, als er bei einem Aufenthalt in Wien vom Kriegsausbruch überrascht wurde, in Deutschland bleiben, wo er zwei Historienfilme inszenierte. In der Nachkriegszeit entstanden Filme wie Der Prozeß (1947) und 1955 Der letzte Akt und Es geschah am 20. Juli, in denen er sich mit brisanten Themen wie Antisemitismus und Widerstand gegen das NS-Regime auseinandersetzte und mit denen an die großen künstlerischen Erfolge der Vorkriegszeit anzuknüpfen versuchte. Aufgrund seiner Parkinson Erkrankung endete Pabsts Regietätigkeit 1957; er starb im Mai 1967 in Wien mit 82 Jahren.


Credits

  • Regie:
    Georg Wilhelm Pabst
  • Drehbuch:
    Ilja Ehrenburg, Ladislaus Vajda, Rudolf Leonhard
  • Kamera:
    Fritz Arno Wagner, Walter Robert Lach
  • Darsteller*innen:
    Édith Jéhanne (Jeanne Ney), Brigitte Helm (Cousine Gabriele Ney), Hertha von Walther (Margot), Uno Henning (Sowjetagent Andreas), Fritz Rasp (Weißgardistischer Spitzel Chalybieff), Adolf Edgar Licho (Onkel Raymond Ney), Eugen Jensen (Vater Alfred Ney), Hans Járay (Emile Poitras), Wladimir Sokoloff (Zacharkiewicz), Siegfried Arno (Detektiv Gaston) u.v.a.
  • Restaurierung (2017):
    Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung
  • Musik:
    Bernd Thewes (Bearbeitung, Orchestrierung)
  • Redaktion:
    Nina Goslar
  • Produzent:
    Thomas Schmölz
  • Produktion
    2eleven music film (i.A. von ZDF/Arte)

Stummfilmklassiker von Arte -

cineastische Musikerlebnisse für Ihr Publikum